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8100 gefahrene Kilometer

Ein Bericht von Dr. Heinz-Dietrich Düdder

Eine Blaskapelle spielt deutsche Volksmusik. Ein bunt-beklebter Trabi bahnt sich einen Weg durch die Menschenmenge und fährt vor der Alten Mühle in Hahndorf vor, wo die Insassen begeistert begrüßt werden. Obwohl doch ein Trabi hierzulande niemanden mehr vom Hocker reißen kann, warum diese Begeisterung? Die Erklärung ist einfach: Hahndorf liegt etwa 30km südlich von Adelaide in Süd-Australien und der Trabi ist der einzige seiner Art auf dem Fünften Kontinent – eigens von der nationalen Fluggesellschaft QANTAS von Frankfurt nach Australien geflogen, um für Reisen von Deutschland nach Australien und auch von Australien nach Deutschland zu werben.

Die Aktion wurde initiiert von dem Aachener Spezialreiseveranstalter für den Asiatisch-Pazifischen Raum DR. DÜDDER REISEN GmbH mit Unterstützung der Fremdenverkehrsämter von Australien und des Australischen Nord-Territoriums sowie zahlreicher deutscher und australischer Firmen.

 

Das Abenteuer Australien

Das Abenteuer Australien beginnt gleich nach Ankunft in Darwin: Der Trabi ist vor dem Beaufort Hotel, dem besten Haus am Platze, für zwei Tage für das interessierte Publikum ausgestellt. Schon in der ersten Nacht gelingt es einigen australischen „Trabi-Fans“ trotz ständigen Kommens und Gehens im Hotel, die Trabantembleme vorne und hinten abzumontieren. Es löst allgemeine Verwunderung aus, dass die Nummernschilder nicht auch den gleichen Weg gingen, da diese ebenfalls beliebte Sammler-Objekte hier sind. Wir entschließen uns daraufhin, die Schilder mit mehreren Nieten am Trabi zu befestigen.

Am 7. Mai 1991 startet dann endlich die lange Reise durch das „Rote Herz“ Australiens. Mein Beifahrer ist Roland aus Soest in Westfalen. Zunächst liegt der 3200km lange Stuart Highway von Darwin über Alice Springs nach Adelaide vor uns. Der Kofferraum ist voll mit Ersatzteilen für den Fall der Fälle. Außerdem wurde uns von einem australischen Autovermieter ein Toyota Landcruiser als Begleitfahrzeug für Gepäck, weitere Ersatzteile und als Pannenhilfe zur Verfügung gestellt, das von Winfried aus Aachen gelenkt wird. 

Die ersten Tage geht es noch durch den tropischen Norden – das „Top End“. Jede Gelegenheit für ein kühlendes Bad wird bei Temperaturen um 30 Grad gern wahrgenommen: Sei es unter einem Wasserfall im Litchfield National Park, im Katherine River in der berühmten Katherine Gorge, bei einer nächtlichen Party in den Thermalquellen von Mataranka oder sogar pudelnackt in einer als Pferdetränke dienenden, ausgemusterten Badewanne vor dem Daly Waters Pub, dem nach eigenen Angaben ältesten Pub Australiens. Letzteres nach einigen kühlenden Bieren, versteht sich!

Weiter südlich werden die Temperaturen – besonders Nachts – deutlich kühler und die Vegetation zunehmend karger. Einige lange Etappen durch das Outback – eine Bezeichnung für die endlose Busch- und Wüstenlandschaft Zentralaustraliens – liegen vor uns mit wenig Abwechslung. In Tennant Creek, dem einzigen größeren Ort bei Alice Springs, sucht uns ein Reporter-Team der Lokal-Zeitung, die einmal wöchentlich erscheint, noch abends um 23 Uhr auf ein Interview und Fotos. Auch hier ist der Trabi – wie in fast allen Orten an der Strecke – eine seltene Abwechslung und Attraktion aus einer anderen Welt. Man kennt ihn allerdings – selbst hier im Outback – noch gut von den Bildern der Maueröffnung in Berlin, die im November 1989 um die Welt gingen.

Auf der Weiterfahrt nach Alice Springs legen wir einen Foto-Stop ein an den Devils Marbels – den Teufels-Murmeln -, riesigen, übereinander getürmten Felsblöcken, von denen niemand genau weiß, wie diese Formationen mitten in der Einöde entstanden sind. Ein weiterer Stop zum Tanke und Erfrischen folgt im urigen Roadhouse von Barrow Creek – ein sehenswertes, australisches Outback Idyll mit Tankstelle, Restaurant, Pub und Outback Farm. Barrow Creek hat 8 Einwohner! Dann – 30km vor unserem Etappenziel Alice Springs – werden wir am „Wendekreis des Steinbocks“ unerwartet gestoppt. Der Oldtimer-Automobilklub von Alice Springs hat es sich nicht nehmen lassen, den jüngeren, aber doch schon legendären, Verwandten aus Ost-Deutschland mit einer Eskorte seiner älteren Vorfahren unter Anwesenheit der örtlichen Medien das letzte Stück in die Stadt zu geleiten, wo er im Zentrum von Vertretern der Stadt offiziell begrüßt wird.

Alice Springs wird zu einem Höhepunkt der Reise

Alice Springs wird zu einem Höhepunkt der Reise: Zum einen konnte auf Bitten der Regierung des Nord-Territoriums die Aboriginal-Künsterlin Kitty Nakamara bewegt werden, uns eine ihrer seit vielen Generationen überlieferten Malereien auf die Motorhaube zu malen. Dies ist ein besonderer Privileg für unseren Trabi, da dies nur mit Zustimmung ihres Clans und aufgrund einer inneren Beziehung zu unserem Gefährt geschehen kann. Wir sind sehr stolz und geehrt.
Des weiteren findet während unserer Anwesenheit der „Camel Cup“ in Alice Springs statt, ein total verrücktes Kamel-Rennen. Der Trabi wird auf dem Rennplatz präsentiert und von den Einheimischen wie Touristen gleichermaßen bestaunt. Wir beteiligen uns als Trabi-Team am Rikshaw-Rennen und gewinnen nach mehreren Ausscheidungs-Rennen auch noch den ersten Preis, einen ansehnlichen Geldbetrag, der unserer Reisekasse zugute kommt. Insgesamt also ein sehr erfolgreicher Aufenthalt in dieser Wüsten-Oase!

Nächstes Ziel ist eines der Wahrzeichen Australiens – Ayers Rock. Diese 500km lange Etappe begleitet uns ein Fernseh-Team, das teilweise trotz erheblicher Platzprobleme sogar im Trabi mitfährt und uns später landesweite Popularität verschafft. Am  Ayers Rock werden wir bereits erwartet: Die Vertreter des Yulara Resorts haben für uns einen Champagner-Empfang im Freien vorbereitet mit einem einmaligen Blick auf das grandiose Farbenspiel des Sonnenuntergangs am Ayers Rock. Im Licht der Abendsonne verfärbt sich der Felsen – übrigens der größte Monolith (=Stein) der Erde – von Rotbraun über Orange bis Glutrot, um schließlich im Grau-Schwarz der Nacht zu versinken. Roland lässt es sich nicht nehmen, am nächsten Morgen früh den Rock zu besteigen, um das Farbschauspiel umgekehrt aus einer anderen Perspektive zu erleben und zu fotografieren. Es folgen weitere Foto-Termine mit dem Trabi am Ayers Rock und an den Olgas, einer weiteren, fast noch interessanteren Felsformation in der Nähe, sowie ein Rundflug über beide.

Dann heißt es: Weiter gen Süden! Wir legen einen Zwischenstop ein auf einer Outback Cattle Station, einer Rinderfarm, zu dem wir vom Farmer bereits in Alice Springs eingeladen wurden. Hier können wir beim „Mustering“ umgeben von einer einzigen, riesigen Staubwolke die Arbeit auf einer Outback-Farm hautnah miterleben. Unser Etappenziel für heute ist aber Coober Pedy, Minenort und größter Opal-Produzent der Erde und schon im Bundesstaat Südaustralien gelegen. Schon viele Kilometer vor Coober Pedy erinnern die zahlreichen aufgetürmten Schutthalden eher an eine Mondlandschaft. Winfried und Roland dürfen in einen Minenschacht hinabsteigen und ihr Glück unter Tage versuchen. Ich beschränke mich auf das Durchkämmen der Schutthalden. Der Erfolg ist für beide Seiten gleichermaßen bescheiden. Wir besuchen Vincenzo, einen italienischen Opalgräber, in seiner unterirdischen Wohnhöhle, denn aufgrund der sehr hohen Tagestemperaturen im Sommer wohnen hier sehr viele Leute unter der Erde. Er gibt uns einen interessanten Einblick in die Gewinnung und Bearbeitung von Opalen. Wir übernachten ebenfalls unterirdisch im Desert Cave Hotel.
Langsam nähern wir uns nun wieder zivilisierten Gegenden, was auch an der Vegetation, die wieder üppiger wird, und an den zahlreichen werdenden Emus und Kängurus, die uns begegnen, zu erkennen ist. In der Dämmerung müssen wir sehr aufpassen, da die Tiere unberechenbar sind. Eine gewisse Beruhigung gibt uns die in Darwin vor den Kühler montierte „Roo-Bar“, ohne die sich die Fahrt zu einem Glücksspiel gestalten würde. Abends erreichen wir Port Augusta und damit die Südküste Australiens – der schwierigste und anstrengendste Teil der Reise ist geschafft! Ein Abstecher in die Gebirgslandschaft der Flinders Ranges abseits der ausgetretenen Pfade bietet uns eine faszinierende und urwüchsige Landschaft. Wir fahren über Schotterpisten und müssen zahlreiche Wasserläufe durchfahren. Die Mühe wird belohnt durch zahlreiche Begegnungen mit Kängurus, Emus und bunten Kakadus, die kaum ein Anzeichen von Scheu zeigen. Bei einem improvisierten Busch-Barbeque klaut uns sogar ein Emu ein Steak vom Grill!

Bis Adelaide, der ersten Großstadt auf unserer Reise, sind es nur noch wenige Stunden. Auch hier erwarten uns bereits die Medien. Man hat sogar einen Trabi-Song komponiert, der zum Hit im deutschsprachigen Radioprogramm wurde. Wen verwundert da der eingangs beschriebene stürmische Empfang in der Alten Mühle von Hahndorf? Hier in der Umgebung von Adelaide haben sich sehr viele deutschstämmige Einwanderer niedergelassen – besonders im Barossa-Tal, das durch die Deutschen zum führenden australischen Weinbaugebiet wurde. Wir besuchen hier ein Weingut und probieren die guten Tropfen – wirkliche Spitzenqualität! Abends erleben wir das Ende eines Folk Music Festivals, das nach Ankunft des Trabi, der inzwischen überall bekannt ist, noch einmal spontan auflebt und schließlich in der Wohnung einer Sängerin mit Abendessen, Wein und viel Musik endet. Wir sind von der spontanen Herzlichkeit der Leute überwältigt. 

Unsere Route führt uns weiter Richtung Osten mit Ziel Sydney: Noch einmal zwei Tage Fahrt durchs Outback mit Stop in Broken Hill mit seinen zahlreichen Silber-Minen. Ein Road Train, einer der Riesen-Lastzüge mit drei Anhängern und bis zu 50m Länge, schleudert uns im Entgegenkommen einen Stein in die Windschutzscheibe, die springt. Wir haben zwar eine Ersatzscheibe dabei, da sich aber der Schaden in Grenzen hält, beschließen wir, so weiterzufahren. Dies sollte dann auch der einzige Schaden auf der gesamten Reise bleiben. Als wir uns der Ostküste nähern, beginnt es zum ersten Mal zu regnen, nachdem wir bisher nur trockenes und sonniges Wetter genießen konnten. Der Regen wird so stark, das sogar unser Aboriginal-Gemälde auf der Motorhaube leicht beschädigt wird. Leider können wir im Moment nichts dagegen unternehmen. In den Blue Mountains sehen wir im Regen und Nebel nichts von all den landschaftlichen Schönheiten, die den Reiz dieser Berg-Region in der Great Dividing Range ausmachen.

Zum Glück klart es kurz vor unserer Einfahrt in Sydney wieder auf, denn hier erwartet uns ein großer Bahnhof. Der australische Bundesminister für Tourismus empfängt uns persönlich auf der Pyrmont Bridge, einer Drehbrücke über den Hafen von Sydney, die eigens für den Trabi geöffnet wird. Auf einer Pressekonferenz berichten wir über den bisherigen Verlauf der Reise. Der Trabi wird anschließend vor dem Qantas-Gebäude für Presse und Publikum ausgestellt. Als wir den Trabi vor der Oper in Sydney, einem weiteren Wahrzeichen Australiens, fotografieren wollen, erleben wir eine böse Überraschung: Man verlangt von uns mehr als A$ 300 für die Foto-Erlaubnis und das, obwohl wir den Tourismus nach Australien fördern wollen. Erst unsere Beschwerde bei offiziellen Stellen löst später das Problem.

Wir fahren weiter den Princess Highway an der zerklüfteten Küste entlang bis Batemans Bay, einem kleinen Fischerort. Von hier geht es landeinwärts zur australischen Hauptstadt Canberra. Hier hat die deutsche Botschaft für uns einen Empfang im Deutschen Club organisiert, wo man naturgemäß sehr an unserer Aktion interessiert ist – führt sie doch den Deutsch-Australiern die Veränderung in der Heimat unmittelbar vor Augen. Nach einem Pressetermin vor dem Botschaftsgebäude gibt die Botschaft ein Essen für uns und einige Pressevertreter. 

Nun geht es langsam dem Ende der Reise entgegen. Noch 800km trennen uns vom Ziel in Melbourne. Auf dem Weg zur letzten Station in Rutherglen im Bundesstaat Victoria trauen wir plötzlich unseren Augen nicht mehr. Da steht plötzlich ein total windschiefes Haus abseits der Straße, der „Ettamougah-Pub“. Er ist einem australischen Comic nachgebaut. Das können wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Hier gibt es keine geraden Wände oder ebene Tische und das Bier wird auch schon mal kopfstehend getrunken – aber die Stimmung ist großartig. Um ein Haar wären wir hier versackt, aber gerade rechtzeitig können wir uns noch mühsam loseisen, um Rutherglen noch zu erreichen. Hier warten einige Weinproben auf uns, denn hier werden wohl die besten Süßweine Australiens produziert. In Winton ist der Trabi noch einmal Ehrengast bei einer Oldtimer-Rennveranstaltung, wo wir auch einige alte Bekannte aus unserer Eskorte nach Alice Springs wiedertreffen.

8100 gefahren Kilometer durch Australien

Am 27. Mai, drei Wochen und 8100 gefahrene km nach der Abfahrt in Darwin, haben wir dann das Ziel Melbourne erreicht. Wir werden begeistert empfangen. Der Trabi hat diese weiteste Reise, die wohl je ein Trabi unternommen hat, entgegen allen Bedenken problemlos überstanden und damit zum Erfolg des gesamten Projekts geführt.
Für einige Tage bleibt er vor dem neuen World Congress Centre in Melbourne ausgestellt für die Dauer der Australian Tourism Exchange, der größten Tourismus-Messe der südlichen Hemissphäre, bevor er dem Fünften Kontinent den Rücken kehrt und seine Heimreise nach Deutschland antritt.

 
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